Der Riedochse ist im Winterquartier







Wormser Zeitung

Gesichter in zerknülltem Papier

11.10.2010 - BÜRSTADT

Von Sabine Weidner

VIELFALT Bürstädter Künstlerausstellung mit unterschiedlichsten Gestaltungsformen

Was ist eigentlich Kunst? Darüber streiten sich die Geister. Zur Kunstausstellung des Bürstädter Künstlervereins am vergangenen Wochenende hat es gleichsam unterschiedliche Aussagen vom eher negativ betonten „Kunst kommt von Können“ bis zum ehrlichen „Ich bin fasziniert“ gegeben. Das sehr altersgemischte Publikum war sich jedoch einig: „Es ist für jeden Geschmack etwas dabei, Kunst ist individuell und deshalb auf so unterschiedliche Art ansprechend.“

Das Entdeckungsabenteuer begann bereits bei der Ankunft vor dem Bürgerhaus mit dem großen, fantasieträchtigen Exponat „Riedochse“. Künstler des Vereins fertigten es nach Impulsen der Besucher der Frühjahrsausstellung an. Weiß und schief lächelnd auf staksigen Beinen repräsentierte der „Riedochse“ von tollpatschig bis liebenswert und treudoof jedes Klischee, das ihm zugeschrieben wurde. Im Bürgerhaus selbst fanden sich 242 Gemälde von Acryl über Kreidetechnik bis hin zu Öl, 136 Skulpturen aus Holz, Metall, Kristallglas oder Gips, 59 Fotografien oder digital bearbeitete Exponate.

Die 13. Kunstausstellung hat Tradition und bringt dennoch immer wieder Neues ins Ried. So etwa die Premiere eines neuen, patentierten Kunststils: die Knitterage, die aus Falten Kunst werden lässt. Ulrike Marianne Schmitt, als „Rimaschi“ bekannt, gehört dem Bürstädter Verein an und hat die Technik entwickelt. Das aufwendige Verfahren basiert auf vorwiegend ungeregelt zerknülltem Papier, dessen wieder entfaltete Linien nach der Bearbeitung mit Kohle, Radiergummi und Farbe die Begrenzungen für Figuren und Gesichter bilden. „Das habe ich beim Müllentsorgen entdeckt“, beschrieb die Künstlerin. In einem entsorgten und wieder glatt gestrichenen Papier entdeckte sie Gesichter, Figuren und Gestalten und hob diese mit feinstaubigen Farben hervor - die Knitterage war geboren.

Zum ersten Mal waren die Künstler der Behinderten Werkstätten aus Bensheim zu Gast, zu denen der Künstlerverein einen intensiven Kontakt pflegt. „Ich habe Rotweinwellen gemalt“, berichtete Helga, eine der Künstlerinnen mit Handicap. Mit dem färbenden Traubensaft hat sie ihr grünlastiges Bild aufgemöbelt und wirkliche Wellen hervorgehoben. Große Nasen haben es Jürgen angetan. In allen Farben malt er Köpfe mit auffälligen Riechorganen. Die Technik hat er selbst entwickelt und setzt jetzt auch mit farbigen Hintergründen Akzente. Mehmet Tas liebt knallige Farben, die er flächig zu abstrakten Figuren mit ebensolchen Hintergründen zusammenfügt - sein Material sind Eddingstifte.

Die Schüler der Erich Kästner-Schule haben aussagekräftige Fotos zum Thema „Food in style“ entstehen lassen. Aus Kressebeeten wurde ein Urwald mit asiatischem Kämpfer, Bananen in Scheiben glänzten auf einem Glasteller und jeder aufspritzende Tropfen beim Fall einer Zitrone in ein Wasserglas wurde von ihnen auf Papier gebannt. Der Wahlpflichtunterricht an der Bildungseinrichtung machte es möglich. Andere Künstler, wie André Link, experimentierten digital mit Obst oder Gemüse, wobei regelrechte Suchbilder entstanden, die den genauen Betrachter für längere Zeit fesseln.

Friedensreich Hundertwasser, der Liebhaber verspielter Formen und leuchtender Farben, stand Pate für die „Woodoos“ von Eckhard Theißen. Der Mannheimer Künstler entdeckte seine Leidenschaft für Schwemmholz in seinen skurrilen Formen. Diese nutzt er als Grundlage für flächendeckende Verzierung mit Motiven nach Art des österreichischen Künstlers. Am lebenden Objekt verkünstelt sich Michaela Zeng am liebsten. Die Lampertheimer Bodypainterin gab sogar eine Live-Performance am Sonntagnachmittag.

Das Fazit von Künstlervereinschef Kurt Brenner: „Alles Ansichtssache, wir haben 50 Prozent Wiederholungstäter mit neuen Ausstellungsstücken und 50 Prozent ganz neue Kunstrichtungen vertreten.“ Damit sorge man für ein gutes Verhältnis des Angebots, so dass jeder Besucher in jedem Jahr auch Neues für sich entdecken kann. .


Mannheimer Morgen

11.10.10

Schon von Weitem grüßt der Riedochse

Ausstellung: Originelle Exponate im Bürstädter Bürgerhaus - Fotografie und digitale Medien nehmen breiten Raum ein
BÜRSTADT.
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3,20 Meter hoch, 3,50 lang und 2,80 Meter breit ist das von Bürstädter Künstlern gestaltete Fantasiegebilde, das den legendären Riedochsen symbolisieren soll. Foto: Sabine Weidner

Kunst, so weit das Auge reicht, eine Bandbreite von Skulpturen, Öl-, Acryl- und Aquarelltechnik, Fotografien und ihre Weiterverwendung als Gemäldebasis und auch Raum für die Werke behinderter Künstler bot die Kunstausstellung des Bürstädter Künstlervereins am Wochenende.

Bereits im Bürgerhauspark vor dem Eingang gab es etwas zum Staunen: die Interpretation eines »Riedochsen« in Form einer Skulptur grüßte dort schon von weitem. Das monströse Abbild (3,20 Meter hoch, 2,80 Meter breit, 3,50 Meter lang) des in Sprichwörtern und Redewendungen gern verwendeten »Ried ochsen« wurde auf Anregung von Besuchern beim Frühjahrsmarkt des Künstlervereins gebastelt.

Umsetzer des »Riedochs-Projekts« waren Ulrike und Robert Schmitt, Karlheinz Köpfer, Sigrid Stadtmüller und Ingeborg Gärtner-Grein aus dem Bürstädter Verein.

Aus Beschreibungen (»Seine Heimat ist Bürstadt, im Rathaus, in Nordheim oder gar im Jägersburger Wald, er ist stur, treudoof und tollpatschig, braun, hat eine harte Schale und einen weichen Kern und mag Kuchen«) fertigten die Künstler verschiedenster Stile einen Plan. Entstanden ist ein weißes, schief lächelndes Fabelwesen auf vier staksigen Beinen. Die sollen an die Leiterwagen erinnern, mit denen die Männer aus dem Ried in frühen Tagen nach Mannheim zur Arbeit kamen: »Die Riedochse kumme«, habe man damals wohl gerufen.

Doch Künstlervereinschef Kurt Brenner lieferte auch eine wissenschaftliche Erklärung: Ein Riedochse ist wissenschaftlich gesehen ein Vogel, genauer gesagt - eine Rohrdommel - die ihren Namen aufgrund ihres Balzrufes bekam. Ihr ochsenähnliches Rufen ist kilometerweit zu hören. Egal ob Schimpfwort oder Mysterium: Die Skulptur hat Kultcharakter, verbindet sie doch die Meinung zahlreicher Menschen aus dem Ried auf originelle Weise.

Die Beeinflussung des Alltags durch aktuelle Trends fand sich in neuen Ausstellungsgenres im Bürgerhaus wieder. Kurt Brenner hatte diese in seiner Ansprache zur Vernissage am Freitagabend skizziert.

»Fotografie und digitale Medien« gehörte zu diesen Genres: 15 der 75 Aussteller haben sich dieser neuen Form der Kunst verschrieben. Entwicklungen und Neuigkeiten passt sich vor allem die Jugend geschwind an: Schüler der Bürstädter Erich-Kästner-Schule beteiligen sich an der Fotogalerie.

Ein reger Austausch herrscht seit einigen Jahren auch mit der Behindertenhilfe Bergstraße in Bensheim.

Ein Hingucker war ebenfalls die neue Technik »Knitterage«, die sich Ulrike Marianne Schmitt patentieren ließ.

Die aufwendige Technik basiert auf vorwiegend ungeregelt zerknülltem Papier, dessen wieder entfaltete Linien nach der Bearbeitung mit Kohle die Begrenzungen für fantastische Figuren und Gesichter bilden. In Bürstadt war die erste öffentliche Zurschaustellung dieser Technik.